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Gott

„Gott wird gesucht, um gefunden zu werden, weil er verborgen ist. Gott wird gefunden, um wieder neu gesucht zu werden, weil er unermesslich ist.“ (Augustinus)

Ich nehme zwei Bewegungen wahr, wenn Gott und Ich und Du anderes, wirklicheres, lebendigeres sind als eine Denkkonstruktion: Gott sucht mich, gewaltlos und diskret, weil er nichts als liebendes Freien ist – ich suche Gott, weil ich Angst und Sterblichkeit und Umsonst wäre, gäbe es, von mir aus, diese Sehnsucht nicht, dieses Fragment von Lieben, Glücken, Leiden, Zweifeln, Ja und Nein daraufhin, dass mehr und anderes es geben müsste als alles, was vorderhand erscheint in meinem beschränkten Gegenwartsbewusstsein.

Meister Eckehart, vor allem in seiner 52. Predigt „Beati pauperes spiritu…“, ausgehend von der Bergpredigt Jesu Christi, weist auf das notwendige Wahrnehmen des Zukurz und Übergänglich hin, das aller verantwortbaren Gottrede innewohnt.
Paul Celan, der zurück geht in seinem Eckhart-Triptychon, zurück durch das Jahrhundert todbringender deutscher Rede und Gewalt, zurück durch die mittelhochdeutsche Sprache Eckharts, geht nochmals durch dessen „Gottes quitt und ledig“ hindurch zur Bejahung der unbedingten Konkretion im Jetzt und Hier und Je und Einst in Zeit und Geschichte, zur Bejahung des erscheinenden DU, das mich anschaut vor meiner Entscheidung, es anschauen zu wollen; vor meinem bewussten und annehmenden JA bin ich unbedingt und notwendig Geisel dieses DU, welches mir das: „Du sollst mich nicht töten…“ in der Nacktheit des Blicks seiner /ihrer Pupille auferlegt; Bejahung und Konkretion, die permanent als Beunruhigung Gottes, also als das Gegenteil des „bis ich Ruhe finde in Dir“ (Augustinus, Confessiones 1) erscheint.

Anton Bruckners IX. Symphonie „Dem lieben Gott“ hält, wie ich nach langem Hören und Studieren merke, genau die Schwebe zwischen JA und NEIN – zur Gottlosigkeit Gottes, in der Katastrophe des ersten-, der Profanisierung des zweiten-, in der Selbstdetonation des Chorals, gewonnen aus der Durchführung der Schmerznon im Anfang des dritten Satzes.
Aber danach schwingt etwas aus, resignierend, verklingend, an- und aushauchend und dann doch wieder bildend zum letzten Akkord, das mehr ist, JA und LIEBEN aufscheinen lässt, bar jeder Manifestation, sich aussetzend, hinhaltend, wie eine offene Frage, die alles wirkliche DU enthält – diesseits und jenseits begrifflicher Konstruktion. „Et incarnatus est…“

Es gibt nicht das Nichts. Die Stille ist nicht wahrnehmbar. John Cages SILENCE verstört aus der Erfahrung: Es gibt das Schweigen, das lauschende Schweigen – die Stille, selbst im schalldichten Raum, selbst in der Wüste, ist unerfahrbar – Herzschlag und Atem und Leibgeräusche sind im Schweigen stets gewärtig, nicht tilgbar, selbst dann, wenn das Bewusstsein vermeint, leer zu werden/ zu sein.
Es ist – immer – etwas da. Cage: „Ich habe nichts zu sagen und das sage ich.“


Markus Roentgen

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